Das Besondere an Public Health ist, dass schon kleine Effekte schnell relevante Auswirkungen haben können, da sie eben nicht nur ein Individuum, sondern ganze Bevölkerungen betreffen und somit auch schnell relevante Anteile der Ärzteschaft. Deshalb gibt es auch innerhalb des FMH Generalsekretariats den Bereich Public Health, was sich insbesondere während der Pandemie als essenziell erwies, wobei sich die FMH nicht proaktiv mit fachlichen Beiträgen über die Medien einbrachte, sondern direkt mit den zuständigen Stellen Kontakt aufnahm und bei Bedarf intervenierte. Die FMH ist europäisch und global vernetzt, wie alle anderen nationalen europäischen ärztlichen Standesorganisationen ebenfalls.
Public Health ist ein festes Traktandum beim Ständigen Ausschuss der Europäischen Ärzte (Comité Permanent des Médecins Européens, CPME). An der letzten offiziellen Tagung Ende Oktober 2025 in Athen standen folgende Themen aus dem Public-Health-Bereich auf der Agenda:
Als Erstes ging es um die Besteuerung von Tabak- und tabakverwandten Produkten, womit schliesslich alle nikotinhaltigen Produkte mit Abhängigkeit erzeugender Wirkung gemeint sind – inklusive synthetischer Nikotinanaloga. Die europäischen Standesorganisationen orientieren sich hierbei an den Standards der WHO Framework Convention on Tobacco Control (FCTC), die in Europa von allen Staaten, mit Ausnahme der Schweiz, ratifiziert wurde. Die bisher noch nicht erfolgte Ratifikation könnte auch dazu beitragen, dass die Schweiz respektive Genf den WHO Hauptsitz verlieren könnte. Ganz abgesehen davon, dass wegen des Tabakkonsums in der Schweiz jährlich vermeidbare Gesundheitskosten in Milliardenhöhe entstehen. Der Bundesrat verordnet dem Gesundheitswesen ein Globalbudget, ohne gesetzliche Grundlage, und lässt gleichzeitig durch nicht realisierte Präventionsmassnahmen Gesundheitskosten in Milliardenhöhe entstehen. Zu beiden Themen hat die Bevölkerung im Rahmen von Volksinitiativen anders entschieden. Ein relevanter Grund für höhere Gesundheitskosten in der Schweiz als in anderen europäischen Ländern ist somit politisch verschuldet. Die europäischen ärztlichen Standesorganisationen, die Schweiz eingeschlossen, haben in Athen klar Stellung bezogen.
Nicht materielle Süchte, «Gambling und Gaming Disorder», waren der nächste Themenschwerpunkt. In diesem Bereich kann die FMH sich als sehr fortschrittlich bezeichnen. Im Rahmen des Programms «PEPra – Unterstützung zur Prävention in der Praxis» wurde aufgrund von Rückmeldungen von Ärztinnen und Ärzten aus der Praxis gleich zu Beginn das Modul Spiel- und Onlinesucht realisiert, das ich allen Kolleginnen und Kollegen sehr empfehle.
Beim darauf folgenden Punkt ging es um ein europäisches Rahmenkonzept zur Resilienz der Gesundheitssysteme betreffend Folgen des Klimawandels. Die FMH hat eine Strategie zum Klimawandel realisiert, dies als Auftrag der Ärztekammer, angestossen durch die Entwicklungen in Deutschland und Österreich sowie auch von der jüngeren Generation von Ärztinnen und Ärzten. Die Auswirkungen von Hitzewellen und die in diesem Rahmen erforderlichen Anpassungen der medikamentösen Therapie, beispielsweise bei arterieller Hypertonie, sind bekannt. Auch in dieser Hinsicht lohnt sich ein Blick auf die FMH-Website.
Unter dem Stichwort «Medicine under Attack» (MUA) wurde thematisiert, dass sich die Situation von Gesundheitspersonal im Rahmen von bewaffneten Konflikten stark verschlechtert hat. Insbesondere von britischer Seite wurden Daten präsentiert. Die Zahl an in bewaffneten Konflikten getöteten Gesundheitsfachpersone hat gemäss Meldestelle von 2023 auf 2024 um 21 Prozent zugenommen: 2024 betraf es über 900 Personen, wobei von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen ist. Speziell problematisch sind innerstaatliche Konflikte, da die geltenden Schutzbestimmungen internationales Recht betreffen. Auch hier findet sich die Schweiz mit dem Internationalen Roten Kreuz (IKRK) und als Depositarstaat der Genfer Konventionen in einer besonderen Rolle.
Als letztes Thema wurde über medizinische Falschinformationen debattiert, die bewusst, beispielsweise über soziale Medien, verbreitet werden. Hier zeichnet sich noch keine Lösung ab, wie damit umzugehen ist. Erste Initiativen auf europäischer Ebene werden diesbezüglich in die Wege geleitet. Das Thema wird an den Folgesitzungen 2026 weiterbehandelt.
Eine interessante Übersicht mit Zahlen und Fakten des Bundesamtes für Statistik (BFS) zur öffentlichen Gesundheit in der Schweiz lesen Sie auf Seite 8. Als gelungene Umsetzung von Public-Health-Bestrebungen und Prävention in der Praxis finden Sie auf Seite 18 dieser Ausgabe einen Artikel zu PEPra, einem Angebot der FMH und ihrer Partner, realisiert in Zusammenarbeit mit der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Die Problematik der Antibiotikaresistenzen wird im Beitrag auf Seite 22 behandelt. Auf Seite 26 finden Sie eine Stellungnahme von Thomas Steffen, Präsident von Public Health Schweiz. Thomas Mattig von Gesundheitsförderung Schweiz legt seinen Standpunkt auf Seite 28 dar.