Die Diskussion um die Zukunft unseres Gesundheitswesens wird seit Jahren fast ausschliesslich über die Kosten geführt. Prämien, Tarife, Effizienzreserven – alles scheint sich um die Frage zu drehen, wie wir das System finanzieren. Dabei übersehen wir eine weit grundlegendere Herausforderung: Nicht das Geld wird uns zuerst ausgehen, sondern die Fachkräfte.
Ein Blick auf die aktuelle Ärztestatistik [1] der Schweiz zeigt eine strukturelle Abhängigkeit, die nachdenklich stimmen muss. Mittlerweile verfügen rund 75 Prozent der jährlich neu ins System eintretenden Ärztinnen und Ärzte über ein ausländisches Arztdiplom. Bei den neu zugelassenen Facharzttiteln liegt der Auslandsanteil bei rund 50 Prozent. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Schweiz ist weit davon entfernt, ihren ärztlichen Nachwuchsbedarf aus eigener Kraft zu decken.
Der Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen – und dies auch aus Gründen, die in der politischen Debatte bislang kaum berücksichtigt werden.
Ein zentraler Faktor ist die Entwicklung der Arbeitszeit. Die Ärzteschaft in der Schweiz arbeitet aktuell durchschnittlich rund 43 Stunden pro Woche – ein Pensum, das bei Ärztinnen und Ärzten als «Teilzeit» bezeichnet wird. Gleichzeitig fordern die jüngeren Generationen der Ärzteschaft Arbeitsbedingungen, die sich an landesüblichen Standards orientieren. Gemäss der Erhebung des Bundesamtes für Statistik [2] lag die durchschnittlich geleistete Wochenarbeitszeit der Arbeitnehmenden in der Schweiz im Jahr 2024 bei 31 Stunden.
Setzt man die heute geleisteten 43 Wochenstunden ins Verhältnis zu diesen 31 Stunden, ergibt sich ein Faktor von rund 1,4. Das bedeutet: Um das heutige Arbeitsvolumen einer Ärztin oder eines Arztes künftig zu erbringen, werden rechnerisch 1,4 Personen im Vergleich zu heute erforderlich sein. Anders gesagt: Selbst bei gleichbleibender Anzahl Köpfe sinkt die verfügbare ärztliche Arbeitsleistung markant, wenn sich die Arbeitszeiten dem gesellschaftlichen Durchschnitt annähern. Dieser Effekt wird den Fachkräftemangel zusätzlich massiv akzentuieren, wenn nun die Babyboomer-Generation, die teilweise ihre Praxistätigkeit bis noch weit über das offizielle Pensionierungsalter hinaus weitergeführt hat, in den Ruhestand tritt.
Hinzu kommt ein weiterer struktureller Widerspruch. Der Arztberuf wird heute mehrheitlich von Frauen ausgeübt. In den Kaderpositionen hingegen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Wenn es uns nicht gelingt, attraktive, planbare und familienverträgliche Arbeitswelten und damit auch Karrierewege zu schaffen, riskieren wir, wertvolle Fachkräfte zu verlieren – sei es durch Pensenreduktion oder durch den vollständigen Ausstieg aus der kurativen Medizin. Das können wir uns schlicht nicht leisten.
Die Antwort auf diese Herausforderungen kann nur eine konsequente Ausbildungsoffensive sein. Wir brauchen mehr Studienplätze, mehr Weiterbildungsstellen und dies gezielt auch in der ambulanten Medizin. Gerade vor dem Hintergrund der politisch gewollten Ambulantisierung ist es unverständlich, dass Weiterbildungsplätze im ambulanten, und insbesondere im praxisambulanten Bereich nicht systematisch ausgebaut werden. Wer Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich verlagert, muss auch die Ausund Weiterbildung dorthin verlagern.
Stattdessen erleben wir derzeit das Gegenteil: finanzielle Restriktionen, zunehmende Bürokratie und regulatorische Rahmenbedingungen, die insbesondere die praxisambulante, kosteneffiziente Versorgung unter Druck setzen. Damit wird ausgerechnet jener Bereich geschwächt, der einen wesentlichen Beitrag zu einer qualitativ hochstehenden und gleichzeitig kostengünstigen Versorgung leisten kann.
Wer die Stabilität unseres Gesundheitswesens sichern will, muss den Fokus verschieben: weg von einer einseitigen Kostendebatte, hin zu einer strategischen Sicherung der personellen Ressourcen. Aus- und Weiterbildung, attraktive Arbeitsbedingungen, verlässliche Rahmenbedingungen für eine Praxistätigkeit und familienkompatible Führungsfunktionen sind keine Nebenfragen – sie sind die Grundlage der Versorgungssicherheit.
Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir in einigen Jahren feststellen, dass wir dann zwar vielleicht über ausgeklügelte Finanzierungsinstrumente verfügen, aber nicht mehr genügend Ärztinnen und Ärzte haben, um die Bevölkerung adäquat zu versorgen.
Die Fachkräfte gehen uns aus, bevor uns das Geld ausgeht. Und das können und wollen wir uns nicht leisten!