In der Schweiz stammen rund 30 % der täglichen Energiezufuhr aus ultraprozessierten Lebensmitteln, sogenanntem «ultra processed food (UPF)» [1]. In den USA, Kanada und Grossbritannien liefern UPF bereits mehr als die Hälfte der aufgenommenen Nahrungsenergie [2, 3, 4]. Ultraprozessierung zielt auf Texturkontrolle, Geschmacksoptimierung und hohe Konsumattraktivität [5]. Charakteristisch sind Produkte mit isolierten Zutaten wie modifizierte Stärke, hydrolysierte Proteine sowie Zusatzstoffe wie Emulgatoren, Stabilisatoren, Aromen oder Süssstoffe. Wichtig ist die Differenzierung zwischen Verarbeitung und Ultraprozessierung. Klassische Verfahren wie Trocknen oder Fermentieren dienen primär der Haltbarkeit sowie der Sicherheit. Sie bewahren meist die Lebensmittelmatrix. Die Einteilung von Lebensmitteln anhand ihres Verarbeitungsgrades erfolgt häufig nach der NOVA-Klassifikation (Tabelle). Epidemiologische Studien zeigen konsistente Assoziationen zwischen hohem UPFKonsum und Gewichtszunahme, viszeraler Adipositas, Insulinresistenz sowie Typ- 2-Diabetes [1, 6].
Während epidemiologische Studien vor allem Assoziationen zeigen, bieten experimentelle Daten Hinweise auf mögliche Kausalzusammenhänge. Eine randomisierte Cross-over-Studie von Hall et al. (2019) [7] zeigte, dass Probanden unter ultraprozessierter Ernährung bei vergleichbarer Nährstoffzusammensetzung spontan rund 500 kcal pro Tag mehr aufnahmen. Innerhalb von zwei Wochen kam es zu einer signifikanten Zunahme von Körpergewicht und Fettmasse. Diese Daten legen nahe: Der Verarbeitungsgrad beeinflusst unabhängig von Kalorien und Makronährstoffen das Essverhalten [7].
Mehrere Faktoren können die beobachteten Effekte erklären: UPF begünstigen eine erhöhte Energieaufnahme durch hohe Energiedichte, weiche Textur und schnelle Essgeschwindigkeit. Gleichzeitig werden Sättigungssignale beeinträchtigt, unter anderem durch hormonelle Veränderungen, wie die Verringerung des Peptids YY (PYY) und die Zunahme an Ghrelin. Auch eine veränderte Aktivierung dopaminerger Belohnungssysteme ist nachgewiesen [8]. Zudem stehen UPF im Zusammenhang mit Veränderungen des Darmmikrobioms. Eine reduzierte mikrobielle Diversität und eine verminderte Produktion kurzkettiger Fettsäuren wie Butyrat können die Darmbarriere schwächen und entzündliche Prozesse fördern [9, 10]. Eine erhöhte intestinale Permeabilität begünstigt die Translokation von Endotoxinen wie Lipopolysacchariden. Dies trägt zu systemischer Inflammation bei. Prozesse wie diese fördern die Entwicklung von Insulinresistenz und spielen eine zentrale Rolle bei der Pathogenese des Typ-2-Diabetes. Die genannten Mechanismen sind biologisch plausibel und teilweise gut belegt. Abschliessend kausal geklärt sind sie jedoch nicht [8, 11]. Insbesondere für die Betreuung von Personen mit metabolischem Syndrom sind die Erkenntnisse über UPF von praktischer Relevanz.
Aus den pathophysiologischen Zusammenhängen mit UPF ergeben sich konkrete Implikationen für die Ernährungstherapie:
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Ultraprozessierte Lebensmittel beeinflussen neuroendokrine, immunologische und mikrobiomale Prozesse sowie das Essverhalten. Dadurch tragen sie wesentlich zur Krankheitsentwicklung bei. Was bedeutet dies für die klinische Praxis? Ernährungstherapie sollte nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität und den Verarbeitungsgrad der Lebensmittel berücksichtigen. Die steigende Produktion und der Konsum von UPF haben weitreichende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Die zunehmende Verdrängung naturbelassener Lebensmittel durch UPF stellt eine relevante Herausforderung dar. Sie sollte in der Ernährungstherapie und im ärztlichen Gespräch adressiert werden. Bereits kleine qualitative Veränderungen können klinisch relevante Effekte erzielen [15].