FMH – Berufsverband
 
Schweizerische Ärztezeitung (säz)
Ausgabe 04 Auslandsabhängigkeit verursacht Grundversorgermangel

Auslandsabhängigkeit verursacht Grundversorgermangel

Es ist allgemein bekannt, dass die Schweiz bei der Versorgung mit Ärztinnen und Ärzten stark vom Ausland abhängig ist. Vielen ist jedoch kaum bewusst, dass die Auslandsabhängigkeit ein wichtiger Grund für den Mangel in der Grundversorgung ist.
Nora Wille, Dr. phil., persönliche wissenschaftliche Mitarbeiterin der Präsidentin der FMH

Nora Wille
Dr. phil., persönliche wissenschaftliche Mitarbeiterin der Präsidentin der FMH

Yvonne Gilli, Dr. med., Präsidentin der FMH

Yvonne Gilli
Dr. med., Präsidentin der FMH

Die Zahlen sind eindeutig: Von unseren neuen Ärzten und Ärztinnen der letzten zehn Jahre haben nicht einmal 30 % in der Schweiz studiert. Von den jährlich etwa 4000 neuen Arztdiplomen werden seit über zehn Jahren immer um die 70 % aus dem Ausland anerkannt [1]. Entsprechend ist der Anteil der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte mit ausländischem Arztdiplom zwischen 2014 und 2024 von 31 % auf 41 % gestiegen [2].

Verteilung der Disziplinen hängt vom Zuzug ab

Doch nicht nur, ob die Schweiz überhaupt über Ärzte und Ärztinnen verfügt, hängt vom Zuzug aus dem Ausland ab. Auch welche ärztlichen Fachdisziplinen in der Schweiz verfügbar sind, entscheidet sich in grossen Teilen im Ausland. Denn viele der einwandernden Ärztinnen und Ärzte bringen nicht nur ihr Medizinstudium aus dem Ausland mit, sondern auch eine bereits abgeschlossene fachärztliche Weiterbildung.

Spezialdisziplinen ziehen öfter zu

So hatten im Jahr 2024 von den 3529 neuen Fachärztinnen und -ärzten 45 % (n = 1595) ihre Weiterbildung im Ausland abgeschlossen. Nur 55 % von ihnen (n = 1934) hatten ihre fachärztliche Weiterbildung in der Schweiz absolviert. Diese Auslandsabhängigkeit hat direkte
Folgen für die Schweizer Grundversorgung: Denn während von den in der Schweiz weitergebildeten Ärztinnen und Ärzten fast die Hälfte (45 %) Weiterbildungstitel in den Grundversorgerdisziplinen Allgemeine Innere Medizin, Praktischer Arzt bzw. Praktische Ärztin
und Pädiatrie erwarben, deckten von den anerkannten ausländischen Weiterbildungstiteln
lediglich ein Drittel (34 %) für die Grundversorgung relevante Disziplinen ab [3].

Grundversorgung häufiger aus der Schweiz

Dieser Sachverhalt ist nicht neu. Seit mindestens 2011 decken die zuziehenden Fachärzte und Fachärztinnen durchgängig seltener Grundversorgerfächer ab als die inländisch weitergebildeten Ärztinnen und Ärzte [1]. Betrachtet man alle neuen Facharzttitel von 2011 bis 2024 zeigt sich, dass in diesem Zeitraum mehr spezialärztliche Titel aus dem Ausland anerkannt (n = 13 587) als in der Schweiz erworben wurden (n = 13 155). Bei den Grundversorgerdisziplinen sieht die Bilanz hingegen völlig anders aus: Seit 2011 wurden nur 6229 Grundversorgertitel aus dem Ausland anerkannt – aber 10 997 in der Schweiz erteilt (Abb. 1).

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Abbildung 1. Seit 2011 kamen aus dem Ausland (blau) mehr Spezialärzte und -ärztinnen (n = 13 587), als die Schweiz (orange) selbst weiterbildete (n = 13 155). Grundversorger und Grundversorgerinnen kamen jedoch deutlich weniger aus dem Ausland (n = 6229), als in der Schweiz selbst weitergebildet wurden (n = 10 997). [1]

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Abbildung 2. Unter den neuen Fachärzten und Fachärztinnen zwischen 2014 und 2024 lag der Anteil von Grundversorgerdisziplinen unter den komplett in der Schweiz aus- und weitergebildeten Ärztinnen und Ärzten bei 48 %. Unter den vollständig
im Ausland Aus- und Weitergebildeten nur bei 32 %.

Grosse Unterschiede zwischen Disziplinen

Auch ein näherer Blick auf die einzelnen Fachdisziplinen zeigt grosse Unterschiede im Anteil der anerkannten ausländischen Facharzttitel. Im Zeitraum zwischen 2014 und 2024 brachten in mehreren Fachdisziplinen 70 % bis 80 % der neuen Fachärzte und Fachärztinnen ihren Weiterbildungstitel aus dem Ausland mit. Dies betraf vor allem chirurgische Disziplinen wie die Herz- und thorakale Gefässchirurgie, die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, die plastische und rekonstruktive Chirurgie, aber auch die Arbeitsmedizin, die physikalische und Rehabilitationsmedizin sowie die Dermatologie und Venerologie. Deutlich geringer ist der Anteil zugewanderter Fachärzte und -ärztinnen z.B. in der Pädiatrie, wo «lediglich» 39 % der Facharzttitel aus dem Ausland anerkannt wurden [4].

Wenig Zuwanderung in Allgemeiner Innerer Medizin

Noch niedriger war der Anteil anerkannter ausländischer Weiterbildungstitel mit 21 % in der Allgemeinen Inneren Medizin [4]. Dieser sehr geringe Wert erklärt sich zwar teilweise dadurch, dass viele zuwandernde Ärzte und Ärztinnen dieser Ausrichtung oftmals als Praktische Ärzte
und Ärztinnen tätig sind. Doch auch wenn man die Allgemeine Innere Medizin und die Praktischen Ärztinnen und Ärzte zusammen betrachtet, bleibt es dabei: Das Ausland füllt unsere Lücken vorwiegend in den Spezialdisziplinen, weniger in der Grundversorgung.

Eigene Ausbildung bringt Grundversorgung

Die unterschiedliche Verteilung der Fachdisziplinen verdeutlicht auch Abbildung 2. Der oberste der drei Balken zeigt die Disziplinen jener Fachärzte und -ärztinnen, die sowohl das Medizinstudium als auch die Weiterbildung im Ausland absolviert haben. Bei ihnen machen die
Grundversorgerdisziplinen nur 32 % aller Titel aus. Der unterste Balken hingegen zeigt die Disziplinen der Personen, die sowohl ihr Studium als auch ihre fachärztliche Weiterbildung in der Schweiz absolviert haben. Bei ihnen beträgt der Anteil der Grundversorgerdisziplinen 48 %. Der mittlere Balken beschreibt die Personengruppe, die im Ausland studiert, dann aber in der Schweiz die fachärztliche Weiterbildung absolviert hat. Diese decken zu 41 % Grundversorgerdisziplinen ab.

Eigene Ausbildung als Schlüssel

Die Schweiz foutiert sich seit Jahrzehnten darum, eigenes Fachpersonal aus- und weiterzubilden – und beklagt sich dann, wenn das Ausland nicht den perfekten Fachärztemix liefert. Ohne die hohe Zahl von Ärztinnen und Ärzten aus dem Ausland wäre die Schweizer Bevölkerung heute in ausnahmslos allen medizinischen Fachdisziplinen stark unterversorgt. Weil die Auslandsabhängigkeit weiter gestiegen ist, wird der Mangel in der Grundversorgung
nun spürbarer – darf aber nicht isoliert betrachtet werden. Die Verteilung auf die fachärztlichen Disziplinen ist unter den in der Schweiz weitergebildeten Personen bedarfsgerecht. Wer die inländische Weiterbildung zugunsten von mehr Grundversorgern und Grundversorgerinnen
steuern möchte, hat die Ursache des Problems nicht verstanden: So würde der Mangel verwaltet statt behoben. Helfen kann einzig der Ausbau der inländischen Aus- und Weiterbildung. Denn ohne die massive Auslandsabhängigkeit hätte die Schweiz automatisch ausreichend Fachkräfte für die Grundversorgung – und für alle anderen Disziplinen.

Korrespondenz

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Literatur

1 Bundesamt für Gesundheit. Ärztinnen und Ärzte 2024. Büro BASS. Mai 2025
2 Hostettler S, Kraft E. FMH-Ärztestatistik 2024 – tiefe Grundversorgerdichte. Schweiz
Ärzteztg. 2025; 106: 11-12
3 BAG. Statistiken Ärztinnen und Ärzte. Abgerufen am 24.2.2026: https://www.bag.admin.
ch/de/statistiken-aerztinnen-aerzte
​​​​​​​​​​​​​​
4 Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan). Verliehene und anerkannte
Facharzttitel. Abgerufen am 23.2.2026: https://ind.obsan.admin.ch/indicator/docmo/
verliehene-und-anerkannte-facharzttitel

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