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Das Experiment mit dem Meer

Ist Meerwasser zu trinken zwingend ein tödliches Unterfangen? Ärztliche Selbstversuche in den 1950er-Jahren suchten nach Antworten. Klar ist: Tierische Meeresbewohner wie Möwen haben es viel einfacher, ihren Durst zu löschen.
Adrian Ritter Wissenschaftsjournalist

Adrian Ritter
Wissenschaftsjournalist

Hannes Lindemann wollte es wissen: Wie können Schiffbrüchige auf hoher See überleben? Der Arzt und erfahrene Segler aus Hamburg traute den Beschreibungen seines französischen Berufskollegen Alain Bombard nicht, der 1952 behauptet hatte, eine Seereise per Schlauchboot mit rohem Fisch und Meerwasser überlebt zu haben. Deshalb startete Lindemann 1955 seine eigenen Abenteuer auf den Meeren. Auf einer ersten Fahrt nahm er sich vor, täglich neben einem halben Liter Fruchtsaft auch einen halben Liter Meerwasser zu trinken – «um zu sehen, wie lange der menschliche Körper sich das gefallen lässt.» Was er befürchtet hatte, trat bereits nach 24 Stunden ein: Ödeme in den Füssen. Er setzte sein Experiment fort, bis die Wasseransammlungen die Knie erreichten, dann brach er ab.

Auf seinen folgenden Fahrten versuchte er, seinen Durst mit anderen Strategien zu löschen. So trank er einmal 18 Tage lang gar nichts, sondern deckte seinen Wasserbedarf nur mit Früchten. Anschliessend sammelte er Regenwasser oder nahm Flüssigkeit und auch gleich Kalorien in der Form von Dosenmilch und einem Gemisch aus Wasser und Rotwein zu sich – was sich durchaus bewährte.

Lebensgefahr für Schiffbrüchige
Das Trinken von Meerwasser mit seinen durchschnittlich 3,5 Prozent Salz ist und bleibt für den Menschen ein gefährliches Unterfangen – ausser in der Form eines unbeabsichtigten Schluckes beim Baden oder für Schiffbrüchige im Notfall verdünnt mit viel Frischwasser. Das Problem lautet Osmose: Wasser strömt immer dorthin, wo die höhere Salzkonzentration herrscht. Somit entzieht Salzwasser, das in unserem Körper zirkuliert, unseren Zellen Wasser – wir trocknen innerlich aus. Ausserdem vermögen unsere Nieren Salz nur so weit zu konzentrieren, dass der Harn immer noch weniger salzig ist als Meerwasser. Trinkt ein Mensch Salzwasser, muss er somit mehr Wasser ausscheiden, als er aufnimmt, um das überschüssige Salz loszuwerden. Dies führt schnell zu Dehydration und kann tödlich enden.

Entsalzungsanlage im Kopf
Wie viel einfacher haben es da gewisse Tierarten. Möwen und andere Seevögel wie Albatrosse und Pinguine haben sich im Laufe der Evolution an den maritimen Lebensraum angepasst. Sie verfügen über körpereigene Entsalzungsanlagen. Im Schädel der Möwe etwa befinden sich oberhalb der Augen paarige Salzdrüsen. Trinkt der Vogel Meerwasser, filtern die Drüsen das über den Darm ins Blut aufgenommene Salz wieder heraus. Jede Drüse hat einen Hauptgang, der zu einem der Nasenlöcher führt, von wo das Salzkonzentrat in Rillen zum unteren Ende des Schnabels rinnt.

Für die Möwen selbst ist die Entsalzung auch nicht ohne – sie benötigt viel Energie. Vermutlich bevorzugen die Tiere daher salzarmes oder Süsswasser.

Grosse psychische Belastung
​​​​​​​Für Hannes Lindemann übrigens war klar, dass sein Vorgänger als Atlantiküberquerer geschwindelt hatte. In seinem Buch «Allein über den Ozean» warf er Alain Bombard vor, mehr Proviant als angegeben mitgeführt zu haben – auch Frischwasser. Zudem habe er sich unterwegs von zwei Dampfschiffen mit Nahrung versorgen lassen. In einem allerdings waren sich die beiden Seefahrer einig: Die grösste Herausforderung für Schiffbrüchige ist oft nicht die Ernährung, sondern die psychische Belastung durch die Strapazen.

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