«Frankenstein» läutete die Grippe-, Covid- und damit die Impfsaison 2025/2026 ein. Die SARS-CoV-Variante XFG, so ihr offizieller Name, scheint bislang weniger Monster zu sein, als ihr Spitzname Frankenstein vermuten liess: ansteckend, aber kaum gefährlich. Gefährdeten Personen wird empfohlen, sich impfen zu lassen und in Situationen mit viel Menschenkontakt eine Schutzmaske zu tragen. In der Vergangenheit wurde schon weitaus dringlicher zur Impfung und zu Gesundheitsmassnahmen aufgerufen, gegen Tuberkulose, Kinderlähmung oder Covid. Was den Appellen oft gemeinsam war: Sie häuften sich zum Jahresende.
Fest der Liebe und der Erreger
Weihnachtliche Impf- und Gesundheitskampagnen haben fast schon Tradition. Das liegt zum einen an den für Erreger günstigen winterlichen Bedingungen, zum anderen an ganz anderen, historisch gewachsenen Gründen. Mit der Industrialisierung ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich das christliche Weihnachtsfest zum Fest der Liebe, der Barmherzigkeit und der Familie. Über die freien Feiertage fanden die das Jahr über in den industriellen Zentren arbeitenden Menschen endlich wieder in der Grossfamilie zusammen. Der über zwölf Monate angestauten Zuneigung wird seither grosszügig durch Geschenke Ausdruck verliehen. Wobei unterm glitzernden Tannenbaum oft nicht nur warme Socken und Christstollen warteten, sondern bisweilen auch Grippe- oder Tuberkuloseerreger, mitgebracht aus der Ferne. In manchen Kinderaugen flackerte wohl eher das Fieber als der Widerschein der Kerzen. Weihnachten wurde so nicht nur zum Fest der Nächstenliebe, sondern gelegentlich auch zum Nährboden für Infektionskrankheiten.
Weihnachtspost gegen Tuberkulose
In den Jahren 1905 und 1906 starben in der Schweiz über 18 000 Menschen an Tuberkulose. Es gab weder eine Impfung noch ein wirksames Heilmittel gegen den «weissen Tod». Eine gewisse Aussicht auf Genesung hatte, wer sich in einem Lungensanatorium wie in Davos oder Heiligenschwendi aufpäppeln lassen konnte. An einem solchen Sanatorium für Kinder mangelte es Dänemark zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dass dort dennoch bald eines entstand, ist einem philanthropisch veranlagten Postmeister zu verdanken: Einar Holbøll. Er ärgerte sich 1903 wie jedes Jahr über die oft scheinheilige Weihnachtspost, die ihm und seinen Angestellten so viele Überstunden bescherte. Zunächst überlegte er daher, eine Strafgebühr auf Weihnachtsbriefe zu erheben, besann sich dann aber eines Besseren: auf eine Weihnachtsbriefmarke. Sie konnte zum üblichen Porto erstanden und auf die Post geklebt werden, der Erlös sollte wohltätigen Zwecken zugutekommen. 1904 kauften die 2,5 Millionen Dänen und Däninnen 3,4 Millionen Weihnachtsmarken. Der Ertrag ermöglichte den Bau eines Tuberkulosesanatoriums.
Mit Briefmarken Gutes tun
Das dänische «Christmas seal» markierte den Beginn weihnachtlicher Gesundheits- und Spendenkampagnen. Bald zeigte sich, dass Menschen zum Jahresende hin offener für Mildtätigkeit und empfänglicher für gesundheitsrelevante Botschaften waren, besonders wenn sie damit auch ihre Angehörigen schützen konnten. Wie viele andere Länder übernahm auch die Schweiz die Idee der Weihnachtsbriefmarke. 1912 gab die Organisation Pro Juventute das erste Exemplar heraus mit dem Ziel, Tuberkulose bei Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen. Mit der Entdeckung des Antibiotikums Streptomycin 1944 und der schweizweiten Einführung der 1921 entwickelten BCG-Impfung (Bacillus Calmette- Guérin) in den 1950er-Jahren verlor die Schwindsucht ihren Schrecken. Doch schon bald forderte die nächste Epidemie ihren Tribut. 1954 erkrankten in der Schweiz mehr als 1600 Kinder an Poliomyelitis, die meisten im Sommer. Wegen der möglichen Lähmungen, auch der Atmung, war die Infektionskrankheit besonders gefürchtet.
Spendenfinanzierte Polio-Studie
Schon 1921 hatte sich der spätere USPräsident Franklin D. Roosevelt vermutlich mit Kinderlähmung infiziert. 1938 bewog ihn die Krankheit dazu, die National Foundation for Infantile Paralysis zu gründen, besser bekannt mit ihrer Kampagne «March of Dimes». Jedes Kind, und die Erwachsenen sowieso, sollten, besonders zur Weihnachtszeit, einen Dime (10 Cent) für den Kampf gegen Polio spenden. Dafür warb die Stiftung mit Prominenten und anrührenden weihnachtlichen Postkartenmotiven. 1954, als die Schweiz der Polio-Epidemie noch machtlos gegenüberstand, finanzierte der «March of Dimes» eine grossangelegte Impfstudie des amerikanischen Immunologen Jonas Salk. Salk hatte im Jahr zuvor einen Impfstoff gegen Polio entwickelt und zunächst an sich und seiner Familie erprobt. Nun testete er das Vakzin an über einer Million Kindern, den sogenannten Polio Pioneers. Der Impfstoff erwies sich als wirksam. Ab 1955 wurde er weltweit verabreicht, 1957 erreichte er schliesslich auch die Schweiz.
Promis werben für Impfung
«Get Your Polio Shot now and Play Safe!» Engelsgleich, im weissflauschigen Kostüm, warb im Winter 1958 die Schauspielerin Marilyn Monroe im Auftrag von «March of Dimes» für die neue Impfung. Ihr Auftritt war medienwirksam inszeniert. Die Botschaft: Impfen ist sexy und modern. An der Hand hielt sie die Zwillingsmädchen Linda und Sandy, Letztere mit poliotypischen Beinorthesen. Sie sollten das Herz potenzieller Spender erweichen. Für Paul Alexander kam der Impfstoff, wie für viele andere, zu spät. 1952 erkrankte der Sechsjährige an Polio und fristete seither sein Dasein in einer Eisernen Lunge. An Weihnachten 1954 wurde er per Lastwagen nach Hause transpor- Patient in einer Eisernen Lunge, US Army, 1949 President’s Dinner zugunsten der National Foundation for Infantile Paralysis im Hotel Waldorf Astoria in New York, 1940 Danke, Dr. Salk. Ladenbesitzer drückt Dankbarkeit für die Polio- Impfung aus, 1955 tiert, samt Beatmungstank und Dieselgenerator, der das Gerät am Laufen hielt. Nachdem Paul in einen Hungerstreik getreten war, fürchteten die Ärztinnen und Ärzte um sein Leben. Sein vielleicht letztes Weihnachten sollte er zu Hause mit seiner Familie verbringen können. Doch Paul Alexander feierte noch viele Weihnachten. Als «Mann in der Eisernen Lunge » engagierte er sich für Impfkampagnen, um anderen das Leid zu ersparen, das er selbst erfahren hatte.
Die Nächsten schützen
Paul Alexander starb 2024, kurz zuvor war er wegen einer Covid-19-Erkrankung hospitalisiert worden. Ob er sich dagegen impfen liess, ist nicht bekannt. Covid würde ihm keine Angst machen, sagte er 2021. Er hätte bereits eine tödliche Epidemie einer Atemwegserkrankung überlebt. In der Schweiz hingegen stand man wegen Covid-19 in Sorge. Im Wissen um das weihnachtliche Ansteckungsrisiko passte der Bundesrat im Dezember 2020 die Schutzmassnahmen an. Keine Grossfamilien, nur noch Gruppen bis fünf Personen durften zusammenkommen. Mitte 2021, als ein Impfstoff verfügbar war, folgte die Kampagne «Gemeinsam fürs Impfen», die an die gegenseitige Solidarität appellierte. Dennoch wurden pünktlich zu den Festtagen 2021 die Schutzmassnahmen erneut verschärft. Ob uns auch diesen Winter Covid, Grippe und Co. in Atem halten werden, bleibt abzuwarten. So wie Frankensteins Kreatur aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt war, so formen sich auch Krankheitserreger wie die Covid-Variante XFG immer wieder neu und bleiben unberechenbar. In Mary Shelleys Roman tötete Frankensteins Wesen, weil es keine Liebe fand. Vielleicht aber ist Liebe die einzige Ansteckung, die wir uns zu Weihnachten wirklich wünschen sollten!