FMH – Berufsverband
 

Neue Wege statt Stillstand

Wenn Medizinprodukte fehlen, trifft das nicht Statistiken, sondern Menschen. Ärztinnen, Ärzte sowie ihre Patientinnen und Patienten spüren die Folgen direkt. Versorgungssicherheit entsteht nicht durch lamentieren, sondern durch mutige Entscheide.
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Damian Müller
Ständerat des Kantons Luzern und Präsident Swiss Medtech

Medizinprodukte sind das Rückgrat unseres Gesundheitswesens. Ohne sie gibt es keine moderne Diagnostik, keine sichere Chirurgie und keine funktionierende Notfallversorgung. Mit einem Anteil von rund 8,2 Prozent an den über 94 Milliarden Franken Gesundheitskosten der Schweiz im Jahr 2023 ist die Medizintechnik kein Kostentreiber. Sie ist ein Ermöglicher. Für Qualität, Effizienz und Patientensicherheit.

Kein Operationssaal funktioniert ohne medizinische Technologien. Keine Arztpraxis. Kein Krankenwagen. Keine Analyse, keine Bildgebung und keine Diagnostik kommen ohne sie aus. Heute sind über 500 000 unterschiedliche Medizinprodukte im Einsatz. Sie strukturieren Abläufe, verkürzen Behandlungszeiten und erhöhen die Sicherheit für Patientinnen und Patienten. Sie erleichtern aber auch die Arbeit der Ärzteschaft und des Pflegepersonals.

Zahlreiche Versorgungsengpässe

Gerade weil Medizinprodukte so zentral sind, wiegt jede Einschränkung schwer. Doch auch diese Produkte sind nicht vor Versorgungsengpässen gefeit. In den letzten rund sieben Jahren haben in- wie ausländische Entwicklungen dazu geführt, dass zahlreiche Medizinprodukte vom Markt verschwunden sind oder nur noch verzögert in der Schweiz verfügbar wurden. Was auf dem Papier technisch klingt, hat im Alltag konkrete Folgen. Ärztinnen und Ärzte müssen Alternativen suchen, gewohnte Abläufe anpassen oder Behandlungen verschieben. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das eingeschränkte Therapieoptionen und Unsicherheit.

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die umfassende Revision der europäischen Medizinprodukte-Regulierung. Seit 2021 muss jedes Medizinprodukt neu zertifiziert werden. Die zusätzlichen administrativen, bürokratischen und finanziellen Anforderungen sind erheblich. Besonders bei spezialisierten Nischenprodukten haben sich viele Hersteller gegen eine erneute Zulassung entschieden. Nicht, weil diese Produkte unsicher wären, sondern weil der Aufwand wirtschaftlich nicht mehr vertretbar ist. Die Folge ist eine spürbare Reduktion der verfügbaren Produktepalette.

Verschärft wurde diese Situation durch den Wegfall des gegenseitigen Anerkennungsabkommens mit der Europäischen Union im Bereich der Medizinprodukte. Seit dem Abbruch der Verhandlungen zum Institutionellen Abkommen wird die Schweiz als Drittstaat behandelt. Hersteller müssen zusätzliche Vorgaben erfüllen, spezifische Kennzeichnungen anbringen und eine Schweizer Vertretung benennen. Für den kleinen Schweizer Markt rechnet sich dieser Mehraufwand aus Sicht vieler Unternehmen häufig nicht. Produkte verschwinden. Innovationen kommen später oder gar nicht an.

Hinzu kommt der Aufbau einer eigenen nationalen Registrierungsplattform für Medizinprodukte. Die damit verbundenen Kosten sollen der Branche auferlegt werden. Für ausländische Hersteller ist dies ein weiterer Entscheidungsfaktor gegen einen Markteintritt. Wer Versorgungssicherheit will, muss diese Realität ernst nehmen.

Die Schweiz macht sich heute von einer einzigen Zulassungslogik abhängig.

Klumpenrisiken vermeiden

Die Schweiz macht sich heute von einer einzigen Zulassungslogik abhängig. Zugelassen sind praktisch nur Medizinprodukte, die den europäischen Vorgaben entsprechen. Damit gehen wir ein erhebliches Klumpenrisiko ein. In anderen Bereichen würde niemand eine solche Abhängigkeit akzeptieren. Gerade bei der medizinischen Versorgung ist sie besonders problematisch.

Nach der ersten Phase der Pandemie wurde mir klar, dass wir hier handeln müssen. Als Parlamentarier habe ich deshalb einen Vorstoss lanciert, um den Zugang zu Medizinprodukten aus aussereuropäischen Zulassungssystemen zu ermöglichen. Konkret geht es um Produkte, die von international anerkannten Behörden als sicher und wirksam beurteilt wurden.

Das Parlament hat diesen Weg unterstützt und den Auftrag klar formuliert. Doch die Umsetzung durch den Bundesrat lässt auf sich warten. Das ist nicht nachvollziehbar. Denn es geht nicht um Deregulierung, sondern um Ergänzung. Um ein «Sowohl-als-auch» statt ein «Entweder- oder».

Viele innovative Medizinprodukte werden heute zuerst in den Vereinigten Staaten zugelassen. Dort wurden die Verfahren in den letzten Jahren deutlich effizienter gestaltet, ohne Abstriche bei der Sicherheit. Auch viele Schweizer Entwickler und Produzenten bringen ihre Produkte zuerst in den USA auf den Markt. Dass solche Produkte in der Schweiz nicht verfügbar sind, obwohl sie hier entwickelt oder produziert werden, ist schwer erklärbar. Weder Ärztinnen und Ärzten noch Patientinnen und Patienten.

Eine Öffnung würde die Versorgungssicherheit stärken. Sie würde die Auswahl erweitern und Innovationen schneller in den medizinischen Alltag bringen. Die Patientensicherheit bleibt dabei jederzeit gewährleistet.

Innovation ermöglichen, statt bremsen

Die Medizintechnik-Branche gehört zu den innovativsten Industrien der Schweiz. Sie verbindet Präzision, Digitalisierung und Ingenieurskunst. Doch Innovation braucht ein Umfeld, das sie zulässt. Heute erleben viele Unternehmen das Gegenteil. Fehlende Vergütung, unsichere Marktzugänge und lange Verfahren bremsen den Fortschritt.

Als Politiker und als Präsident von Swiss Medtech bin ich überzeugt: Das ist der falsche Weg. Aufgezeigt werden kann das auch am Beispiel der Ambulanten Pauschalen. Werden Eingriffe nicht mehr so vergütet, dass von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten die für die Patientinnen und Patienten optimale Behandlung gewählt werden kann, macht unsere Qualitätsmedizin einen Rückschritt. Wir alle setzen uns für sinkende Kosten im Gesundheitswesen ein, doch darf dies nicht auf Kosten der Behandlungsqualität gehen. Wenn wir unserer Bevölkerung weiterhin ein qualitativ hochstehendes Gesundheitssystem bieten wollen, müssen Innovationen rasch und verlässlich bei den Patientinnen und Patienten ankommen. Dafür braucht es Mut, Vertrauen und politische Führung.

Neue Wege in der Medizintechnik sind kein Risiko. Das eigentliche Risiko ist Stillstand. Für Ärztinnen und Ärzte. Für Patientinnen und Patienten. Für unser Gesundheitssystem.

Motion 20.3211

Die Motion 20.3211 «Für mehr Handlungsspielraum bei der Beschaffung von Medizinprodukten zur Versorgung der Schweizer Bevölkerung» verlangt eine Anpassung der Gesetzgebung, damit in der Schweiz auch Medizinprodukte aus aussereuropäischen Regulierungssystemen zugelassen werden können. Im Zentrum steht insbesondere die Anerkennung von Produkten mit Food and Drug Administration-Zertifizierung (FDA), deren Qualitätsund Sicherheitsstandards international anerkannt sind. Die Motion wurde im Mai 2020 eingereicht, 2022 von beiden Räten überwiesen und Ende April 2025 vom Bundesrat konkretisiert. Ziel ist eine bessere Versorgungssicherheit. Innovation im Medtech-Bereich findet zunehmend ausserhalb Europas statt. Der heutige regulatorische Fokus schafft Abhängigkeiten und Engpässe. Patientensicherheit bleibt zentral. Zugelassen werden sollen nur Produkte mit gleichwertigem Qualitätsniveau. Versorgung und Sicherheit müssen im Einklang stehen.

Kostentreiber vs. Ermöglicher

Die rund 500 000 unterschiedlichen Medizinprodukte, welche in der Schweiz auf dem Markt sind und zur optimalen Versorgung der Patientinnen und Patienten beitragen, sind mitnichten ein Kostentreiber. Eigene Berechnungen von Swiss Medtech haben ergeben, dass Medtech-Produkte 2023 nur 8,2 Prozent der Gesamtkosten des Gesundheitswesens der Schweiz ausmachen. In diesem Betrag sind sowohl Kosten, welche von den Krankenversicherungen übernommen werden, wie auch jene, die Patientinnen und Patienten selbst tragen. Gerade im digitalen Bereich wird Medizinprodukten noch grosses Potential eingeräumt. Medizinprodukte sind Ermöglicher und tragen trotz geringem Kostenanteil einen bedeutenden Anteil zur Versorgung von Patientinnen und Patienten bei.

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