FMH – Berufsverband
 

«Diese Initiative kann unser aller Gesundheit gefährden»

Das Schweizer Gesundheitswesen ist stark von ausländischen Fachkräften abhängig. Bundesrat Beat Jans, Spitaldirektor Rolf Zehnder und Chefarzt Dr. med. Stefan Goetz erläutern, was das für die Versorgungssicherheit bedeutet und welche Folgen eine Umsetzung der 10-Millionen- Initiative hätte.

Das Interview führten Franziska Lenz, Co-Leiterin Politik & Kommunikation FMH, Matthias Scholer, Co-Chefredaktor Schweizerische Ärztezeitung säz

Laut der aktuellen FMH-Ärztestatistik haben 43 Prozent der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte ein ausländisches Diplom. Herr Bundesrat, ist diese Auslandabhängigkeit für Sie Ausdruck der Offenheit der Schweiz oder eines strukturellen Versäumnisses?
Bundesrat Beat Jans (BRJ): 
Es ist eine Realität. Wir bilden in der Schweiz zu wenig Ärztinnen und Ärzte aus. Ohne ausländische Fachkräfte würde unsere medizinische Versorgung zusammenbrechen. 72 Prozent der neuen Ärztinnen und Ärzte, die seit 2012 angefangen haben, stammen aus dem Ausland. Wir haben zwar mehr Ausbildungskapazitäten geschaffen, aber das wirkt nicht so schnell. In den nächsten Jahren wird der Bedarf massiv zunehmen: Die Zahl der über 80-Jährigen wird sich bis 2055 verdoppeln. Damit steigt auch der Pflegebedarf. Deshalb sind wir dringend auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen.

Wird in der aktuellen Zuwanderungsdebatte die absehbare Pensionierungswelle zu wenig thematisiert? Heute ist ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz 60-jährig oder älter.
BRJ: Ja, die Situation ist ernst. Bei den Hausärztinnen und Hausärzten ist die Hälfte 55-jährig oder älter, 14 Prozent arbeiten sogar im Pensionsalter. Bis 2029 geht zudem fast ein Viertel des hochqualifizierten Pflegepersonals in den Ruhestand. Würden wir die Zuwanderung in diesem Bereich drosseln, hätte das negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung.

Wie stark sind die Spitäler Thurgau AG im klinischen Alltag auf ausländische Fachkräfte angewiesen, Herr Zehnder?
Rolf Zehnder (RZ): Wir liegen trotz Grenznähe nur leicht über dem schweizerischen Durchschnitt. Mehr als jede dritte Pflegeperson und mehr als 40 Prozent der Ärztinnen und Ärzte haben ein ausländisches Diplom. Wichtig ist mir: Ausländische Mitarbeitende sind genauso gut ausgebildet wie Schweizer Mitarbeitende.

Wie spüren Sie das im Alltag als Chefarzt, Dr. Goetz?
Stefan Goetz (SG): Bei allen Kliniken, die viele Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger beschäftigen, ist die Abhängigkeit vom Ausland sehr hoch. Bei uns, im Bereich Rehabilitation, bedeutet das je nach Jahrgang einen Anteil von 70 bis 90 Prozent. Der eigentliche Engpass entsteht aber beim Kader: Wenn heute jemand mit einer Ausbildung beginnt, dauert es zehn Jahre, bis diese Person für eine Kaderfunktion bereit ist. Ein Vorteil für uns ist die Grenznähe, weil wir für das Kader auch Grenzgängerinnen und Grenzgänger gewinnen können.

Herr Zehnder, Sie haben vor Ihrer Stelle im Grenzkanton Thurgau im Kanton Zürich ein grosses Spital geführt. Unterscheidet sich die Auslandabhängigkeit zwischen diesen beiden Kantonen stark?
RZ: Die Situation ist ähnlich. Im Thurgau haben wir im Vergleich zu Zürich etwa 5 Prozent mehr ausländisches Personal. Ballungsräume sind für Studienabgängerinnen und -abgänger attraktiver, beispielsweise ist es dort für Paare einfacher, für beide eine passende Stelle zu finden. Im Gegenzug sind wir attraktiver für Grenzgängerinnen und Grenzgänger.

Welche Rolle spielen die Grenzgängerinnen und Grenzgänger?
SG: Die Nähe zur Grenze erleichtert generell die Rekrutierung. Zu uns kommen Mitarbeitende mit einer Anfahrt von bis zu einer Stunde. Deutlich längere Wege nimmt in der Regel niemand auf sich. Grenzgängerinnen und -gänger verbessern somit die Situation, lösen das Problem aber nicht. Übrigens kommen die meisten nicht primär wegen des höheren Lohnes in die Schweiz, sondern weil wir ein gutes Gesundheitssystem haben und die Qualität der Ausbildung hoch geschätzt wird.
BRJ: Der Grenzgängerstatus von EUStaatsangehörigen ist über die Personenfreizügigkeit geregelt. Würde das Personenfreizügigkeitsabkommen gekündigt, wäre unklar, unter welchen Bedingungen Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus der EU weiterhin in der Schweiz arbeiten könnten. Das müsste in Brüssel neu verhandelt werden – und wir täten das aus einer schwachen Position als Bittsteller heraus.

Wo zeigt sich konkret, dass die Schweiz auf ausländische Fachkräfte angewiesen ist?
RZ: Ohne Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt lassen sich weder Spitäler noch Pflegeheime noch die ambulante Versorgung aufrechterhalten. Unter anderem haben wir in vielen Bereichen für hochqualifizierte Kaderstellen, wie beispielsweise die Chefarztposition in der Neurochirurgie, ohne Rekrutierung aus dem Ausland schlicht keine Bewerberinnen und Bewerber.

Einen Einfluss auf die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland könnte die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative) » haben – wie schätzen Sie ihre Folgen für das Gesundheitswesen ein?
BRJ: Die Folgen wären gross. Der Bundesrat müsste bei Annahme der Initiative sofort Massnahmen ergreifen. Vereinfacht gesagt würde die Initiative auf eine Halbierung der Zuwanderung hinauslaufen. Für das Gesundheitswesen wäre das dramatisch – umso mehr, weil wir in den nächsten Jahren mehr Personal brauchen, nicht weniger. Grossbritannien zeigt, was dann passieren kann: Nach der Brexit-Abstimmung gingen die Bewerbungen aus der EU zurück, der Ärztemangel verschärfte sich, und in den Spitälern stieg die Sterblichkeit.

Intuitiv kommt der Gedanke: Dann bilden wir eben selbst genug Gesundheitsfachpersonen aus, so sind wir weniger abhängig vom Ausland.
RZ:
Es ist eine Illusion zu glauben, die Schweiz könne ihren Bedarf vollständig selbst decken. Es fehlt grundsätzlich an Nachwuchs – insbesondere in der Pflege. Wir müssen mehr Menschen ausbilden, aber das löst das Problem nicht vollständig. Wir haben keinen Verdrängungseffekt. Ausländische Gesundheitsfachpersonen nehmen keiner Schweizerin und keinem Schweizer den Job weg. Wenn jemand in die Pflege wechseln will, dauert das fünf Jahre. Und eine Ausbildung zur Ärztin oder zum Arzt kann erst recht nicht kurzfristig nachgeholt werden.

Oft wird argumentiert: Weniger Zuwanderung bedeutet weniger Bedarf an Ärztinnen und Ärzten.
RZ:
Diese Rechnung geht nicht auf. Eingewanderte Gesundheitsfachpersonen sind meist zwischen 20 und 50 Jahre alt und brauchen ärztlich und pflegerisch nur rund einen Fünftel der Betreuung, die ältere Menschen benötigen. Weniger Zuwanderung senkt die absolute Patientenzahl deshalb nur wenig, erhöht aber gleichzeitig die Kosten pro Kopf – somit würden die Prämien steigen.
BRJ: Die Idee, mit weniger Zuwanderung die Kosten senken zu können, ist absurd. Die Gesundheitskosten der ausländischen Bevölkerung sind deutlich tiefer als jene der schweizerischen Bevölkerung. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie im Durchschnitt jünger ist und viele ihren Lebensabend wieder im Herkunftsland verbringen – also dann, wenn Gesundheitskosten und Pflegebedarf besonders hoch werden.

Woran würden Patientinnen und Patienten als Erstes merken, wenn Fachkräfte aus dem EU-Raum eingeschränkter rekrutiert werden könnten?
RZ:
Wir hätten klar eine Mangelversorgung. Patientinnen und Patienten merken das zuerst an längeren Wartezeiten. Zudem spüren sie rasch, dass das bestehende Personal stärker unter Stress steht. Dieses versucht zwar, den Mangel aufzufangen, doch genau daraus entsteht ein Teufelskreis: Wegen der hohen Belastung verlassen dann auch inländische Fachkräfte den Beruf. Weniger ausländisches Personal bedeutet deshalb sehr bald auch weniger inländisches Personal.
BRJ: Deshalb muss die Schweiz für ausländische Fachkräfte attraktiv bleiben. Aber die Initiative fordert nicht nur einen 10-Millionen-Deckel, sondern eine Reihe von Massnahmen: Schon bei 9,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern müsste etwa der Familiennachzug eingeschränkt werden. Diese Schwelle könnte bereits in fünf bis sechs Jahren erreicht werden. Damit würde die Schweiz für Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal unattraktiver. Besonders spürbar wären die Folgen in den Randregionen, die schon heute Mühe haben, genügend Hausärztinnen und Hausärzte zu finden. Dort dürfte sich der Mangel am schnellsten verschärfen – zuerst wohl bei der Spitex und in der Grundversorgung.
SG: Ich teile diese Einschätzung. Bis die heutigen Studierenden ihre Ausbildung abgeschlossen haben, dauert es noch einige Jahre – zu lange, um die anstehende Pensionierungswelle aufzufangen. Weil diese Abgänge regional ungleich verteilt sind, droht sich die Versorgung noch stärker auf die Zentren zu konzentrieren. Für die Peripherie bedeutet das eine Unterversorgung – besonders auch bei der Betreuung älterer Menschen.

Sendet die aktuelle Debatte nicht das unattraktive Signal: Wir brauchen euch zwar, politisch seid ihr aber unerwünscht?
BRJ:
Mit ihrer Annahme würde die Initiative genau dieses Signal aussenden: Ihr seid nicht willkommen. Gerade für das Gesundheitswesen gilt aber das Gegenteil. Diese Fachkräfte sind sehr willkommen, wenn wir den hohen Standard halten wollen. Zugespitzt gesagt: Diese Initiative kann Ihre Gesundheit gefährden.
RZ: Und es ist keineswegs selbstverständlich, dass Fachkräfte in die Schweiz kommen wollen. Das hängt nicht nur von Lohn und Arbeitsbedingungen ab, sondern auch von der Qualität der Institutionen und der Ausbildung – und ganz wesentlich davon, ob sich jemand willkommen fühlt. Das betrifft uns alle.
BRJ: Genau das ist der Punkt: Es ist keine abstrakte Diskussion, die irgendwo auf dem Migrationsamt geführt wird – die Konsequenzen betreffen jede und jeden von uns.

Was sagen Sie jemandem, der weniger Zuwanderung will und gleichzeitig erwartet, in Hausarztpraxis, Notfall und Spital weiterhin gut versorgt zu werden?
BRJ:
Lesen Sie den Initiativtext – oder, wie man bei den Ärztinnen und Ärzten sagt: die Packungsbeilage. Und fragen Sie sich ernsthaft, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, die Zuwanderung von Fachkräften zu bremsen. Wir können uns keine Experimente leisten, wenn es darum geht, die Bevölkerung zu deckeln. Und wenn der Deckel erreicht ist, darf nur einer reinkommen, wenn ein anderer stirbt oder rausgeht? So funktioniert keine Gesellschaft.

Wir haben viel über die Politik und ihre Verantwortung gesprochen. Was können Ärztinnen und Ärzte selbst beitragen?
SG:
Wir müssen vor allem unsere Ärztinnen und Ärzte im Beruf halten. Es gibt zu viele, die aus dem Beruf aussteigen. Das können wir uns nicht mehr leisten. Attraktive Arbeitsbedingungen und eine qualitativ gute Ausbildung können dazu beitragen, dass weniger Ärztinnen und Ärzte frühzeitig aus dem Beruf aussteigen. Entscheidend ist, das vorhandene Potenzial besser auszuschöpfen.
RZ: Potenzial gibt es auf vielen Ebenen, und der Regulator allein wird es nicht richten. Zuerst braucht es gute Führung, denn sie schafft attraktivere Arbeitsbedingungen. Das ist letztlich eine Frage von Leadership – und das kann der Bundesrat weder fördern noch anordnen. Potenzial sehe ich auch bei den «Silver Experts », also erfahrenen Ärztinnen und Ärzten über 65, die weiterarbeiten wollen, nicht weil sie müssen, sondern weil diese Arbeit sinnstiftend ist und im Team stattfindet. Stefan Goetz ist das beste Beispiel dafür. Dazu kommen gute Prozessorganisationen. Es gilt, die Digitalisierung wirksam und koordiniert voranzutreiben, um die Effizienz zu steigern und die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zu verbessern.

Herr Bundesrat, was wünschen Sie sich konkret von unserer Leserschaft, den Ärztinnen und Ärzten?
​​​​​​​BRJ:
Informieren Sie die Bevölkerung. Machen Sie darauf aufmerksam, wie unverzichtbar die Menschen aus dem Ausland sind, die uns täglich helfen, das Gesundheitswesen heute zu stemmen – und wie wichtig sie für unsere aller Gesundheit, Lebensqualität und unser Wohlbefinden sind.

Beat Jans

«Wir können uns keine Experimente leisten, wenn es darum geht, die Bevölkerung zu deckeln.»

Bundesrat Beat Jans ist Vorsteher des Eidgenössischen Justizund Polizeidepartements. Er vertritt die Haltung von Bundesrat und Parlament, die empfehlen, die Volksinitiative «Keine 10-Millionen- Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative) » abzulehnen. Der Initiativtext verlangt ab 9,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern Massnahmen und sieht bei Überschreiten der 10-Millionen- Grenze letztlich auch die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens mit der EU vor, sofern keine wirksamen Ausnahmen oder Schutzklauseln greifen.

Rolf Zehnder

«Eine Einschränkung der Rekrutierung von ausländischen Fachkräften würde klar zu einer Mangelversorgung führen.»

Rolf Zehnder ist CEO der thurmed AG sowie der Spital Thurgau AG. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Schweizerischen Arbeitgeberverbands.

Stefan Goetz

«Der medizinische Bedarf steigt, während gleichzeitig weniger qualifiziertes Personal zur Verfügung steht.»

Dr. med. Stefan Goetz ist Chefarzt und ärztlicher Direktor an der Rehabilitationsklinik St. Katharinental, Spital Thurgau AG, sowie Geschäftsleitungsmitglied der thurmed AG.

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