FMH – Berufsverband
 

Administrative Entlastung erforderlich

Eine repräsentative Umfrage von gfs.bern zeigt: Der anhaltend hohe administrative Aufwand bindet erhebliche personelle Ressourcen und verschärft den Fachkräftemangel. Eine verstärkte Ambulantisierung kann dazu beitragen, bestehende Engpässe zu reduzieren. Doch sind die Spitäler dafür bereit?

Das Schweizer Gesundheitswesen steht vor vielfältigen Herausforderungen – darunter der Fachkräftemangel, ein überbordender administrativer Aufwand und der Ausbau ambulanter Versorgungsstrukturen. Zu diesen und weiteren Themen aus dem Arbeitsumfeld der Ärzteschaft hat das Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag der FMH erneut eine repräsentative Befragung durchgeführt. In diesem Jahr beteiligten sich insgesamt 1532 Ärztinnen und Ärzte: 1202 aus dem Spitalbereich (unterteilt in Akutsomatik, Psychiatrie und Rehabilitation) sowie 330 aus dem praxisambulanten Bereich.

Erheblicher administrativer Aufwand
Die zunehmende Bürokratisierung und der damit einhergehende administrative Aufwand werden immer häufiger von den unterschiedlichsten Akteuren im Gesundheitswesen kritisiert – bislang jedoch ohne spürbare Konsequenzen. Die in der Akutsomatik tätigen Spitalärztinnen und -ärzte wenden mit durchschnittlich 114 Minuten pro Tag nach wie vor einen beträchtlichen Teil ihrer Arbeitszeit für Dokumentationsarbeiten im Zusammenhang mit dem Patientendossier auf (Abb. 1). Stark betroffen sind insbesondere die Assistenzärztinnen und -ärzte, die sogar 183 Minuten pro Tag für diese Dokumentationsarbeiten einsetzen. Damit wenden sie praktisch gleich viel Zeit auf wie für die medizinischen patientennahen Tätigkeiten. Bei den Psychiaterinnen und Psychiatern wiederum hat der zeitliche Aufwand für das Patientendossier vor allem in den letzten drei Jahren deutlich zugenommen und fällt jetzt mit 121 Minuten am höchsten aus.

Abbildung 1: Zeitaufwand für «ärztliche Dokumentationsarbeit / Patientendossier».

Abbildung 1: Zeitaufwand für «ärztliche Dokumentationsarbeit / Patientendossier».

Krankenkassen haben einen immer grösseren Einfluss auf Entscheidungen über die Art und Weise der Behandlungen.

Zusätzlich zu diesen erwähnten Aufwänden für das Patientendossier verbringen Ärztinnen und Ärzte viel Zeit damit, Vorgaben der Behörden und Versicherer zu erfüllen. Spitzenreiter dabei sind die Ärztinnen und Ärzte in den Rehabilitationskliniken sowie die praxisambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte; sie verwenden durchschnittlich rund eine Stunde pro Tag für diese Aufgaben. 74 % der Rehabilitationsmedizinerinnen und -mediziner sowie 87 % der praxisambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte geben an, dass die Versicherer den grössten administrativen Aufwand verursachen. Allerdings sind die Versicherer selbst ebenfalls von behördlichen Vorschriften betroffen, die sie erfüllen müssen. Die Vorgaben der Versicherer an die Leistungserbringer stehen also häufig im Zusammenhang mit der Umsetzung behördlicher Vorschriften.

Nichtärztliche Akteure gewinnen an Einfluss
Die Ärzteschaft beurteilt die Zusammenarbeit mit den Krankenversicherern stetig kritischer. Inzwischen bezeichnen nur noch 19 % der befragten Spitalärztinnen und -ärzte in der Akutsomatik die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen als sehr gut oder gut – so wenige wie nie zuvor. Zudem haben die Versicherer auch einen immer grösseren Einfluss auf Entscheidungen über die Art und Weise der Behandlungen. 35 % der Befragten Spitalärztinnen und -ärzte der Akutsomatik stufen den Einfluss der Versicherer inzwischen als sehr stark oder stark ein (Abb. 2). Auch die Verwaltung und Geschäftsführung der Spitäler gewinnen an Einfluss auf medizinische Entscheidungen. Diese Entwicklung dürfte mit dem stark zunehmenden Spardruck zusammenhängen: Vor vier Jahren gaben 36 % der Befragten in der Akutsomatik an, von der Spitalleitung klare Sparvorgaben zu erhalten – inzwischen sind es bereits

Abbildung 2: Einfluss auf Entscheidungen – Akutsomatik.

Abbildung 2: Einfluss auf Entscheidungen – Akutsomatik.

Assistenzärztinnen und -ärzte verwenden fast gleich viel Zeit für administrative wie für patientennahe Tätigkeiten.

Anhaltender Fachkräftemangel
Durch den zunehmenden Spardruck fehlen den Spitälern oft die finanziellen Mittel für wichtige Projekte im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie; diese wären jedoch nötig, um den administrativen Aufwand zu reduzieren. Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. Die Bürokratie trägt dazu bei, dass Ärztinnen und Ärzte zunehmend darüber nachdenken, das Gesundheitswesen zu verlassen. Die vom administrativen Aufwand am stärksten betroffenen Assistenzärztinnen und -ärzte erwägen besonders häufig, eine Stelle ausserhalb des Schweizer Gesundheitswesens zu suchen; es sind mit 19 % in der Akutsomatik nahezu ein Fünftel. Aber nicht nur die Jungen denken darüber nach, sich neu zu orientieren. 10 % der Spitalärztinnen und -ärzte in der Akutsomatik und Psychiatrie sowie 15 % in der Rehabilitation gehen davon aus, dass sie innerhalb der nächsten 5 Jahren (sehr) wahrscheinlich nicht mehr kurativ tätig sein werden. Bei den praxisambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte sind es 18 %. Als häufigster Grund wird der Ruhestand angegeben, aber auch das hohe Pensum und die langen Arbeitszeiten spielen eine grosse Rolle.

Starke Identifikation trotz hoher Belastung
Inzwischen geben 57 % der Spitalärztinnen und -ärzte der Akutsomatik und 62 % der Psychiatrie an, meistens oder häufig unter Stress zu leiden. In der Rehabilitation und bei den praxisambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte sind es rund die Hälfe. Trotz der hohen Belastung im Alltag schätzt eine klare Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf nach wie vor: Rund 90 % der praxisambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte sind sehr oder eher zufrieden mit ihrer Arbeitstätigkeit. In den Spitälern der Akutsomatik und Rehabilitation sind es über 80 % und in der Psychiatrie 75 %. Diese Ergebnisse verdeutlichen, wie stark sich Ärztinnen und Ärzte nach wie vor mit ihrem Beruf identifizieren.

Lange Wartezeiten vor allem in der Psychiatrie
Der Fachkräftemangel ist ein wichtiger Grund, weshalb es auch in der Schweiz insbesondere in den psychiatrischen Kliniken zu langen Wartezeiten kommt. Nur 28 % der Spitalärztinnen und -ärzte in diesem Bereich konnten im letzten Jahr ihren Patientinnen und Patienten innerhalb einer Woche einen Behandlungstermin anbieten. In der Akutsomatik lag der Anteil bei 42 %. Zugleich verzeichnete die Psychiatrie mit 55 % den höchsten Anteil an Befragten, deren Patientinnen und Patienten länger als zwei Wochen auf den Behandlungsbeginn warten mussten. Und es sind vor allem die Psychiaterinnen und Psychiater, die von negativen Folgen der langen Wartezeiten berichten: 18 % sehen klare negative Auswirkungen auf den Heilungserfolg, weitere 40 % nehmen zumindest teilweise Beeinträchtigungen wahr.

Von den befragten Ärztinnen und Ärzten im praxisambulanten Bereich, die eine entsprechende Einschätzung abgeben konnten, berichteten fast zwei Drittel, ihren Patientinnen und Patienten einen Behandlungstermin innerhalb einer Woche angeboten zu haben. Kurze Wartezeiten sind jedoch nur ein Teil der Wahrheit – die eigentliche Herausforderung besteht oft darin, überhaupt erst eine neue Ärztin oder einen neuen Arzt zu finden: Etwas mehr als ein Drittel der befragten Ärztinnen und Ärzte im praxisambulanten Bereich nehmen derzeit nie oder sehr selten neue Patientinnen und Patienten auf. 

Die strategische Verankerung der Ambulantisierung scheint bei den Kliniken noch nicht sehr ausgeprägt zu sein.

Zu frühe Entlassungen weiterhin ein Thema
Neben der Wartezeit bis zum Behandlungsbeginn stellt auch der Zeitpunkt der Verlegung zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen einen wichtigen Indikator für die Versorgungslage dar. So ist in den vergangenen fünf Jahren der Anteil der Befragten,
die den Entlassungszeitpunkt der ihnen zugewiesenen Patientinnen und Patienten als «meist richtig» einschätzen, sowohl im Psychiatrie- als auch Rehabilitationsbereich
auf 32 % zurückgegangen. Dies stellt einen neuen Tiefstwert dar. Zudem wird deutlich häufiger von einer zu frühen als von einer zu späten Spitalüberweisung berichtet (Abb. 3). Es liegt nahe, auch diese Entwicklung als einen Effekt des wachsenden Spardrucks anzusehen. Über alles gesehen beurteilt jedoch eine deutliche Mehrheit der Spitalärztinnen und -ärzte die Versorgungsqualität als sehr oder eher gut. In der Akutsomatik sind es 82 % und in der Rehabilitation 80 %. In der Psychiatrie sind es hingegen nur 66 %, wobei dies im Vergleich zum Vorjahr eine leichte Verbesserung darstellt.

Abbildung 3: Beurteilung der Entlassungszeitpunkte zugewiesener Patientinnen und Patienten.

Abbildung 3: Beurteilung der Entlassungszeitpunkte zugewiesener Patientinnen und Patienten.

Sind die Spitäler auf die Zukunft vorbereitet?
Angesichts des zunehmenden Spardrucks und des problematischen Fachkräftemangels drängt sich die Frage auf, ob die Spitäler über eine Strategie zur Positionierung im Wettbewerb verfügen. 45 % der Spitalärztinnen und -ärzte in der Akutsomatik sind der Auffassung, dass ihr Spital eine Strategie hat. In der Rehabilitation sind es 62 % und in der Psychiatrie 36 %. Im Vergleich zum Vorjahr stellt dies eine leichte Verbesserung dar.

Im November 2024 sprach sich die Stimmbevölkerung für eine Änderung des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) aus und stimmte für die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen. Interessant wird nun sein, wie sich die Spitäler diesbezüglich positionieren. Mit der einheitlichen Finanzierung der ambulanten und stationären Leistungen per 1. Januar 2028 werden Fehlanreize, Behandlungen stationär durchzuführen, teilweise reduziert. Einen weiteren Beitrag zur Reduktion von Fehlanreizen sollen die neuen ambulanten Tarife leisten. Die Ambulantisierung, also die Verschiebung von stationären zu ambulanten Behandlungen, ist gemäss einer deutlichen Mehrheit der Befragten denn auch ein wichtiges Thema in den Spitälern (Abb. 4).

Die strategische Verankerung der Ambulantisierung scheint jedoch noch nicht sehr ausgeprägt. Weniger als ein Fünftel der Spitalärztinnen und Spitalärzte gibt an, dass ihr Spital eindeutig über eine Strategie für den Umgang mit der zunehmenden Ambulantisierung verfügt. Fast zwei Fünftel stimmen dieser Aussage zumindest teilweise zu. Bei der Frage, ob ihr Spital für einen Wechsel hin zu einer zunehmend ambulanten Versorgung gut aufgestellt ist, zeigen sich 27 % unsicher und antworten mit «weiss nicht». Für 45 % ist dies zumindest teilweise und für 14 % eindeutig der Fall. Der Ausbau der ambulanten Infrastruktur ist in diesem Zusammenhang mit 30 % der meistgenannte Handlungsbedarf. Es ist zu hoffen, dass sich die Spitäler frühzeitig auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen. Denn eine richtig umgesetzte Ambulantisierung könnte einen wichtigen Beitrag zur Entschärfung des Fachkräftemangels leisten.

Abbildung 4: Ambulantisierung als Thema.

Abbildung 4: Ambulantisierung als Thema.

Autoren

Bruno Trezzini, Dr. phil., Experte Stationäre Versorgung und Tarife FMH, Beatrix Meyer, Leiterin Stationäre Versorgung und Tarife FMH, Sophie Schäfer, Junior Projektleiterin, gfs.bern, Luca Keiser, Junior Data Scientist, gfs.bern, Cloé Jans, Leiterin operatives Geschäft, gfs.bern, Lukas Golder, Co-Leiter, gfs.bern

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Weitere Resultate

Zusätzliche Resultate und Informationen zur diesjährigen Befragung der Ärzteschaft durch gfs.bern im Auftrag der FMH finden sich hier.

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