Dass es zu einem Fachkräftemangel kommt, ist keine neue Erkenntnis. Seit Jahrzehnten bildet die Schweiz zu wenige Ärzte und Ärztinnen aus. Der Mangel ist heute im Bereich Haus- und Kinderärzte und -ärztinnen wie auch im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychiatrie besonders spürbar, wo wir auch mit den aus dem Ausland zuziehenden Kollegen und Kolleginnen die steigende Nachfrage immer schlechter decken können. Es wird aber auch in weiteren Fachdisziplinen in den nächsten Jahren zu einem Mangel kommen.
Unterversorgung mit Ankündigung
Bereits 2008 publizierte das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) einen Bericht zur Fachkräftesituation, der die Entwicklung mit mehreren demografischen Szenarien bis 2030 vorausschauend aufzeigte. Auch die Daten aus der alle fünf Jahre wiederholten Workforce-Studie des Universitären Zentrums für Hausarztmedizin der Universität Basel waren eindeutig. Hätte man ab 2009 entsprechend zu handeln begonnen, hätte eine Chance bestanden, ab 2021 eine Besserung der Problematik zu erreichen. Aber im Gegenteil: Der Bundesrat kalkulierte in seiner «Strategie gegen Ärztemangel» im Jahr 2011, dass jährlich 1200-1300 Arztdiplome ausreichen würden – eine massive Fehlkalkulation, wie wir heute sehen.
Sinkende Attraktivität der Berufsausübung
Gleichzeitig raubt die zunehmende Administrativlast unseren Ärztinnen und Ärzten immer mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten – und damit auch Motivation: Viele verlassen schon während der Weiterbildungszeit die klinische Laufbahn, und ältere Kollegen sind weniger bereit, noch über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten. Zwar arbeiten die jungen Kolleginnen und Kollegen weiterhin viel und bezogen auf die Arbeitsstunden nicht zu einem fürstlichen Lohn. Wenn der Arbeitsinhalt aber immer patientenferner und sinnloser wird, geht die Freude am Beruf verloren, und der Job wird zu Recht verlassen.
Umfassende Massnahmen erforderlich
Für mehr Ärzte und Ärztinnen braucht es nicht nur mehr Studienplätze mit entsprechenden finanziellen Ressourcen. Es braucht auch ausreichend Ärztinnen und Ärzte, die sich in der Lehre engagieren, Räume an den Fakultäten, sowie auch Ausbildungsplätze in Spitälern und Praxen für den Unterricht mit Patientenkontakt. Auch die Arbeitsinhalte und - bedingungen während der Weiterbildungszeit müssen sich grundlegend verbessern. Dafür braucht es verbesserte Rahmenbedingungen für die Facharztweiterbildung in den Spitälern, aber immer mehr auch im ambulanten Bereich.
Digitalisierung der notwendigen Administration
Um die notwendige Administration effizienter erledigen zu können, braucht es dringend eine benutzerfreundliche Digitalisierung mit Zusatznutzen sowie eine bessere Kompatibilität der diversen Praxis- und Klinikinformationssysteme (PIS und KIS). Für die vielen sinnlosen Administrativarbeiten, die weder den Patientinnen und Patienten nutzen noch die Versorgungsqualität verbessern, werden Digitalisierung und KI jedoch keine Lösung sein. Sie gehören schlicht und einfach reduziert und abgeschafft. Digitalisierung und KI können nicht die Sinnhaftigkeit von Nonsens verbessern, sie können höchstens Nonsens multiplizieren. Beispielsweise erschweren die Limitationen der Spezialitätenliste in Zeiten von Medikamentenknappheit täglich die Patientenversorgung – und würden bei besserer Digitalisierung nicht sinnvoller.
Bürokratielast ist ein übergreifendes Problem
Die Bürokratieproblematik betrifft natürlich nicht nur das Gesundheitswesen. Der sogenannte Draghi-Report von September 2024 betrachtet das Problem auf europäischer Ebene und aus einer politisch-ökonomischen Makroperspektive. Mario Draghi fordert darin eine Reduktion der Bürokratielasten für KMU – also auch Arztpraxen – um mindestens 50 % und für grössere Betriebe – wie zum Beispiel Spitäler – um mindestens 25 %. In diesem Prozess sollten die betroffenen Stakeholder – im Falle des Gesundheitswesens also auch die Leistungserbringer – stärker eingebunden werden.
FMH für weniger Administration und mehr Fachkräfte
In diesem Sinne setzt sich die FMH für die administrative Entlastung der Ärzteschaft ein, die den Berufsverbleib sowie die verfügbare Arbeitszeit für Patienten und Patientinnen erhöht. Nur so lässt sich der heutige Fachkräftemangel bereits kurzfristig etwas lindern, bis die zwingend erforderlichen umfassenden Massnahmen für mehr Aus- und Weiterbildung Wirkung zeigen können. Auf die lange Sicht braucht eine gute Gesundheitsversorgung mit ausreichend Fachkräften beides: weniger administrative Arbeiten und mehr gut aus- und weitergebildete Fachpersonen.